Zuerst die einfachste Verschwörungstheorie: Der Wurm stammt von
[Lieblings-Geheimdienst nach Wahl einsetzen] und soll die
iranische Atombombenproduktion lahm legen. Diese Theorie passt wunderbar
zu den Fakten, denn wer anders als ein Geheimdienst käme so leicht an die
nötigen Ressourcen und das notwendige Wissen über das Zielsystem? Aber
betrachten wir das doch lieber etwas genauer.
Der Wurm kann allgemein Daten ausspähen und ganz bestimmte Systeme auch
manipulieren. Das spricht nicht gegen die Geheimdienst-Theorie. Erst wird
geguckt, was der Iran denn so zu bieten hat und ob man wirklich im
richtigen System gelandet ist, erst danach wird es so manipuliert, dass das
Ganze in die Luft fliegt. Das erledigt im Idealfall gleich mehrere Probleme
auf einmal: Die Atombombenproduktion, evtl. samt zugehöriger Wissenschaftler, ist
ausgeschaltet, und wenn es richtig rummst, hat man auch gleich noch den
Beweis dafür, dass da Atombomben entwickelt wurden. Wenn die Iraner dabei
einen Fehler machen und sich selbst in die Luft sprengen, ist das natürlich
bedauerlich, aber man hat ja immer vor den Gefahren gewarnt...
Die meisten Infektionen von SCADA-Systemen wurden im Iran gesichtet. Auch
das passt auf den ersten Blick sehr gut. Auf den zweiten aber nicht.
Wieso sollte eine streng geheime Atombombenfabrik einen Internetanschluß
haben? OK, warum nicht? Aber Gegenfragen sind keine Gegenargumente, und
wenn ich etwas verstecken wollte, würde ich es bestimmt nicht ans Internet
anschließen. Und wem man zutraut, Atombomben zu bauen, dem sollte man auch
zutrauen, sie gut genug zu verstecken. So gut wie z.B. Saddam Hussein
seine Massenvernichtungswaffen, die ja auch immer noch nicht aufgetaucht
sind. Und gibt es nicht eine viel einfachere Erklärung für die Infektionen
im Iran? Vielleicht, dass es da mit dem Virenschutz etwas hapert? Oder
dass die Systeme da einfach generell nicht auf dem aktuellen Stand und
damit leichtere Opfer sind? Immerhin hat man im Iran ja gewisse
Schwierigkeiten beim Einkauf in westlichen Ländern.
Auf allen bisher Siemens bekannt gewordenen infizierten Systemen hat der
Wurm keinen Schaden angerichtet, das Zielsystem war aber auch nicht
darunter. In beiden Fällen kann ich nur fragen: Woher weiss man dass? Wenn
wirklich ein Angriff erfolgreich war, könnte das Opfer schweigen. Zum
einem, um sich nicht Lächerlich zu machen, zum anderen, um keine weiteren
Informationen preis zu geben. Natürlich passt das auch zur
Geheimdienst-Theorie, die Iraner würden natürlich niemals zugeben, dass
ihre Atombombenfabrik sich einen Wurm eingefangen hat. Aber wie viele
"Data Breaches" werden denn bekannt? Wie viele Angriffe auf Unternehmen
vom Unternehmen offen zugegeben? Die wenigsten, sowas hält man schön unter
der Decke. Was für normale Systeme gilt, gilt erst recht für
Produktionssteuerungen. Da wäre das nämlich nicht nur peinlich, sondern
könnte gewisse Probleme für den zukünftigen Betrieb bringen. Wer will
schon neben einer Fabrik leben, die irgend ein Cyberterrorist jederzeit
ferngesteuert in die Luft jagen kann?
Die Entwicklung des Wurms war sehr aufwändig. Das spricht vielleicht dafür,
dass ein Staat sie bezahlt hat, aber wer weiß schon, wie viel Geld
Cyberkriminelle für einen bestimmten Zweck einsetzen? Solange wir das Ziel
der Angriffe nicht kennen, können wir nicht wissen, wie wertvoll es für
welche möglichen Täter ist. Und da komme ich zum nächsten Punkt, der im
Fall der Geheimdienst-Theorie eigentlich unwichtig ist:
Der Wurm kann an andere SCADA-Systeme angepasst werden. Das wäre für einen
gezielten Angriff auf die iranische Atombombenfabrike nicht nötig. Da
der Geheimdienst genau weiß, auf welche Systeme er es abgesehen hat, kann
er den Schädlich genau dafür entwickeln lassen. Dieser Punkt spricht also
eher für einen kommerziellen Hintergrund. Ebenso übrigens wie die
Tatsache, dass der Wurm seit über einen Jahr "sichtbar" getestet wird.
Würde ein Geheimdienst das nicht im geheimen tun, wie es schon sein Name
nahe legt?
Ein kommerzieller Hintergrund?
Betrachten wir das ganze mal vom kommerziellen Standpunkt: Gibt es einen
Markt für das Angebot "Wurm zum Ausspähen und Manipulieren von
Produktionsanlagen"? Für das Ausspähen bestimmt, Wirtschaftsspionage
ist auch nach Aussage der zuständigen Behörden ein boomender "Markt". Und
für die Manipulation, also Sabotage, lässt sich mit etwas Phantasie
durchaus auch ein "Markt" annehmen. Lohnt dieser "Mark" die sicher hohen
Entwicklungskosten? Das kommt auf viele Faktoren an, z.B. wie oft das
Angebot nachgefragt wird, wie viel die Kunden zu zahlen bereit sind und wie
viel Konkurrenz es gibt. Zumindest Konkurrenz gibt es zur Zeit noch nicht,
das treibt die Preise schon mal hoch. Wie viel die Kunden zu zahlen bereit
sind hängt vom jeweiligen Vorteil ab, den sie aus dem Wurm-Einsatz ziehen
können.
Wie viel ist es wohl einem Unternehmen wert, zu wissen, wie ein Konkurrent
seine Produktionssysteme steuert? Ich weiss ja nicht, was sich da alles
ausspähen lässt, aber ich könnte mir vorstellen, dass da
durchaus auch mal ein kompletter Produktionsprozess samt Zutaten etc.
dabei ist. Auf den ersten Blick sicher eine interessante Information
für die Konkurrenz, auf den zweiten eigentlich eher nicht. Da steht
ja kaum z.B. ein Kuchenrezept nach dem Muster "250kg Mehl, 50 kg
Zucker, ..." im Speicher, sondern nur etwas mach dem Muster "250kg
aus Silo 1, 50 kg aus Silo 2, ...". Und wenn sich auch bei den
großen Mengen noch mit sicher gutem Erfolg raten lässt, was es
wohl ist, hört es bei den kleinen Mengen für Gewürze etc.
doch wohl sehr schnell auf. Und damit dürfte so ein Rezept für
die Konkurrenz eher uninteressant sein, außerdem kommen die sicher
auf anderen Wegen einfacher an die Rezepte. Die hat ja wohl nicht jeder so
wie angeblich Coca Cola im Tresor verschlossen. Wahrscheinlich gibt es
viele Detailinformationen, die sich aus den Steueranweisungen für die
Produktionsanlagen ausspähen lassen und die für die Konkurrenz
interessant sind. Aber ob man an die nicht über Spionageangriffe auf
die normale IT viel einfacher dran kommt?
Und wie viel ist es einem Unternehmen wohl wert, die Konkurrenz lahm zu
legen? Einfach mal so in einen Produktionsprozess einzugreifen kann je
nachdem, was da produziert wird und wie das manipuliert wird, mehr oder
weniger gravierende Folgen haben. Da dürfte die Bandbreite von auf
den ernsten Blick kaum auffallenden Qualitätsverschlechterungen im
Endprodukt bis zur Zerstörung der aktuellen Produktion und evtl. auch
der Produktionsanlagen alles dabei sein. Die Produktionsanlagen zu
zerstören und die Konkurrenz los zu werden mag sicher ein verlockender
Gedanke sein, wird aber meist unangenehme Gegenreaktionen zur Folge haben,
wenn es raus kommt. Ich vermute mal, dass würde sich sogar die
Chinesen sehr gut überlegen, denen man ja ansonsten fast alles
zutraut. Qualitätsverschlechterungen sind da sicher noch am
interessantesten, wenn die Konkurrenz nur noch mit schlechter Qualität
produziert, dürfte das die eigenen Absatzchancen erhöhen. Aber
für wie lange? Der "Fehler" wird sicher recht schnell gefunden und
behoben, ein evtl. entstandener schlechter Ruf hängt dem Opfer
wahrscheinlich etwas länger an, aber ob das als Anreiz reicht, um
dafür viel Geld auszugeben?
Kommen wir zum letzten bzw. ersten Punkt: Wie viele mögliche Kunden
gibt es wohl für so einen Wurm? Immerhin scheint der ja
anpassungsfähig zu sein, die aktuellen Angriffe auf Siemens-Systeme
sind also nur eine Möglichkeit. Das nötige Know-How für die
Anpassung an andere Systeme können evtl. die Auftraggeber beisteuern,
so dass die Entwicklung bzw. Anpassung günstiger wird. Das Angebot
richtet sich also im Prinzip an alle Unternehmen, deren Konkurrenz
entsprechende Systeme einsetzt. Davon gibt es jede Menge. Aber wie viele
davon würden kriminell handeln? So viele, dass sich das Angebot eines
entsprechenden Wurms lohnt? Ich hoffe, nicht!
Auf jedem Fall muss es jemanden gegeben haben,
der den Anstoß für die Wurm-Entwicklung gegeben hat, auf gut
Glück wird sicher niemand die Kosten dafür aufgebracht haben.
Auch wenn man den Wurm danach "zweitverwerten" kann, muss sich schon der
erste Einsatz lohnen, immerhin sind danach die Antivirenhersteller und die
potentiellen Opfer gewarnt und die Erfolgswahrscheinlichkeit sinkt. Ich
gehe davon aus, dass der Wurm wirklich eine Auftragsarbeit für einen
ganz bestimmten Zweck ist, bei der auf eine mögliche Anpassung
geachtet wurde, um auf Änderungen beim Ziel reagieren zu können.
Dass das auch die spätere "Zweitverwertung" erleichtert, ist sicher
ein angenehmer Nebeneffekt. Wenn wir wissen, wer das Opfer ist bzw. war,
dürfte sich recht schnell ermitteln lassen, wer der Angreifer war.
Ähhh... nein, da stimmt was nicht, das wäre zu einfach, denn
damit würde sich der Angreifer selbst wahrscheinlich genau so viel
schaden wie dem Opfer. Wer will schon noch mit jemandem Geschäfte
machen, der so mit einem Mitbewerber umgeht? Wer weiß schon, was der
erst mit seinen Kunden macht? Gibt es also doch keinen kommerziellen
Grund? Dann bleiben ja doch nur die Geheimdienste übrig. Oder
herkömmliche Cyberkriminelle oder gar Terroristen?
Erpressung per Wurm?
Herkömmliche Cyberkriminelle als Täter? Da fällt mir
spontan die "Ransomware" ein, die Daten verschlüsselt (oder so tut als
ob) und ein Lösegeld für die Freigabe fordert. "Wir haben
Ihre Produktion lahm gelegt, überweisen Sie viele Millionen in kleinen
Scheinen auf dieses Konto" - das würde man ja nicht mal in einem
billigen Hollywood-Schinken als Plot nehmen können. Wie lange
würde es dauern, bis das Opfer den Fehler selbst behoben hat? Damit
lässt sich sicher kein Gewinn machen, und eine Drohung "Zahlen
Sie, oder wir legen die Produktion lahm" funktioniert erst recht
nicht, da das Opfer dann einfach nur seine Systeme vom Internet trennen und
die Software aus einem Backup restaurieren muss, um den Angriff zu
verhindern. Herkömmliche Cyberkriminelle können wir als
Täter wohl ausschließen. Die hätten sicher die
nötigen Kapazitäten und könnten sich auch das notwendige
Wissen verschaffen, aber es dürfte sich ganz einfach nicht lohnen.
Terroranschlag mit Wurm?
Bleibt die klassische Sabotage oder Terroranschläge. "Al Quaida
legt Stromproduktion lahm" gäbe sicher eine tolle Schlagzeile ab,
bisher haben Terroristen aber immer Wert auf viele Opfer und einen
großen "Knalleffekt" gelegt. Sicher lässt sich auch mit
digitalen Terroranschlägen Terror verbreiten, vor allem, wenn ich mir
vorstelle, was die dann mal wieder Amok laufenden Sicherheitspolitiker dann
wieder alles anstellen würden. Aber ob Terroristen die notwendigen
finanziellen Mittel haben (auf die es ja hinaus läuft, das Wissen
lässt sich damit ja kaufen) UND es für so eine Aktion
ausgeben würden? Das Geld mögen sie haben, aber dass sie es so
verpulvern würden, bezweifle ich.
Laut Kaspersky
hat der Wurm auch in Afghanistan gewütet, aber das dürfte eher auf
mangelnde Schutzmaßnahmen als auf die Wurm-Herkunft hindeuten. Ich
halte die Wurmentwicklung durch Terroristen bzw. in deren Auftrag für
die unwahrscheinlichste Erklärung.
Doch ein Geheimdienst?
Fassen wir noch mal alles zusammen, bietet sich meines Erachtens eine
Kombination der Geheimdienst-Erklärung und des kommerziellen
Hintergrunds als beste Erklärung an. Wurde der Wurm zur
Industriespionage entwickelt und nachträglich bzw. zusätzlich
mit den Manipulationsfähigkeiten ausgestattet, um einem weiteren Zweck
zu dienen? Wirtschaftsspionage im großen Stil, da fallen mir sofort
die Chinesen ein - und auch die USA waren in der Hinsicht ja nicht gerade
untätig, Echelon lässt grüßen. Und was die
Manipulationsfähigkeiten betrifft: Mal angenommen, man hat jemandem
etwas geliefert und hinterher Bedenken bekommen, was der damit wohl
anstellen könnte. Sicherheitshalber möchte man da nun doch die
Finger drauf haben. Bietet es sich dann nicht an, die sowieso vorhandene
Spionagesoftware zu erweitern? Wie, weiß man ja - man hat das
Zielsystem ja selbst geliefert. Womit wir wieder bei der anfänglichen
Verschwörungstheorie landen, diesmal aus einer anderen Richtung.
Möchte da jemand sicher gehen, dass der Iran eine (wahrscheinlich
heimlich) gelieferte Anlage nicht entgegen seiner Zusagen für die
Atombombenproduktion einsetzt und hat deshalb den Wurm darauf angesetzt?
So unwahrscheinlich ist das gar nicht, oder?
Fakt ist, der Wurm ist los
Egal wer den Wurm nun los gelassen hat, er hat damit auf jedem Fall eine
Büchse der Pandora geöffnet. Diesem ersten Wurm werden sicher
weitere folgen, nachdem die Idee eines speziellen Schädlings für
Produktionsanlagen erst mal in die Welt gesetzt wurde. Die Lösung des
Problems ist allerdings recht einfach: Man muss nur dafür sorgen, dass
die Produktionsanlagen nicht ans Internet angeschlossen sind und keiner
einen verseuchten USB-Stick in den zur Bedienung verwendeten Rechner
steckt. Oder das auf dem nicht gerade Windows läuft, oder hat schon
mal jemand was von einem AutoRun-Wurm für Linux gehört? Ach ja,
und ein System, das ein Default-Passwort verwendet, dass
man nicht ändern soll,
sollte man vielleicht besser zur Nachbesserung an den Produzenten zurück
schicken.
Carsten Eilers
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Aufgenommen: Jan 03, 09:14
Die ist der letzte "Standpunkt" dieses Jahres - nächste Woche ist Weihnachten, und damit ist das Jahr 2011 auch schon fast "gelaufen". Ich hoffe, es wird ein ruhiger Jahresausklang, ich will die Zeit "zwischen den Jahren" nämlich nutzen un
Aufgenommen: Dez 19, 10:26