2010 war ein gerade aus Sicht der IT-Sicherheit ereignisreiches Jahr. 2011
kann es gerne ruhiger zugehen, aber vermutlich gilt wie immer die Regel von
Bernd dem Brot: "Alles ist wie immer, nur schlimmer!
Einige Beispiele: So hat z.B. das Bundesverfassungsgericht zwar die
Vorratsdatenspeicherung im März 2010
auf Eis gelegt,
das stört die Innenpolitiker aber nicht weiter, die fordern eine
Neuauflage bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit und erinnern
damit an quengelnde Kleinkinder an Supermarktkassen. Und mit
Boonana
gab es 2010 den ersten Schädling, der sowohl Windows als auch Mac OS X und
Linux infizieren kann. Diesem ersten Beweis, dass das möglich ist, werden
sicher weitere Schädlinge folgen. Außerdem gab es 2010 sehr viele
0-Day-Schwachstellen - so viele, dass ich ihnen einen eigenen
Text
gewidmet habe.
Kompromittierte Websites
Kompromittierte Websites, die Schadsoftware im Rahmen von
Drive-by-Infektionen
verbreiten, sind nichts neues mehr. Im Juni liefen z.B.
Massenangriffe
auf ASP-Websites, weder zum ersten noch zum letzten Mal. Und auch schwache
SSH-Schlüssel wurden gerne
ausgenutzt.
Recht neu ist ein anderer Ansatz: Websites von Software-Herstellern zu
kompromittieren, um dann kompromittierte Installationsprogramme oder
-archive mit Backdoor zu verbreiten. Erstes Opfer wurde der Server von
e107.org,
über den auch eine Drive-by-Infektion verbreitet wurde. Der Angriff
erfolgte
pikanterweise über eine in e107 eigentlich behobene Schwachstelle,
deren Patch auf dem eigenen Server nicht installiert war. Ein weiteres
Opfer war dann der
FTP-Server von ProFTPD,
der ebenfalls aufgrund eines nicht installiertes Patches Opfer einer
Schwachstelle im eigenen Programm wurde. Und auch der Server von
phpMyFAQ
wurde kompromittiert, um darüber Programmpakete mit einer Backdoor zu
verteilen. Diesmal aber ohne eigene Mitschuld.
Der Month of PHP Security
Im Mai war der MOPS
los:
Stefan Esser hatte den Monat zum
Month of PHP Security
erklärt. Das Ergebnis: In der
ersten Woche
wurden sechs Schwachstellen in PHP, fünf in Anwendungen sowie drei
Tipps und Tools veröffentlicht, in der
zweiten Woche
folgen acht neue Schwachstellen in PHP, vier in PHP-Anwendungen
und drei weitere Tipps und Tools. In der
dritten Woche
wurde die Anzahl der PHP-Schwachstellen um weitere acht erhöht, dazu kamen
vier weitere Schwachstellen in PHP-Anwendungen und ein Text. Und in der
vierten Woche
gab es dann noch einmal elf neue Schwachstellen in PHP und 4 Beiträge aus
dem Bereich "Tipps und Tools". In den
letzten 4 Tagen
folgten dann zum Abschluss noch weitere vierzehn Schwachstellen in PHP und
ein weiterer Text. Insgesamt wurden also 47 Schwachstellen in PHP und 13
in PHP-Anwendungen sowie 12 Beiträge aus dem Bereich "Tipps und Tools"
veröffentlicht, eine beachtliche Leistung.
Während eines Vortrags auf der Sicherheitskonferenz SyScan Singapore
2010 hat Stefan Esser dann im Juli eine Schwachstelle in PHP
nachgereicht,
die von RedHat Linux in den eigenen Distributionen sehr zügig behoben
wurde. Und das aus gutem Grund: Stefan Esser hat für seinen Demo-Exploit
ein Fedora-System verwendet, da Fedora die einzige große Linux-Distribution
ist, die auf den Einsatz von Suhosin verzichtet und dadurch den Angriff
erleichtert.
Clickjacking wird immer beliebter und gefährlicher
Clickjacking
hat eine steile Karriere hinter sich:
2008 entdeckt, 2009 ausgenutzt
und 2010 um
Likejacking
und
neue Möglichkeiten
erweitert. Da bin ich ja gespannt, wie es 2011 weiter geht. Mit einem
schnellen Aussterben dieser Schwachstelle und Angriffe ist leider nicht zu
rechnen.
Stuxnet - Der Cyberwar rückt näher
Zuerst sah die sog.
Shortcut-Lücke
in Windows recht normal aus (und das ist sie ja eigentlich auch). Gar
nicht normal dagegen war der sie zuerst einsetzende Trojaner:
Stuxnet.
Wem dieser eindeutig gezielte Angriff
galt
und wer ihn auslöste, war lange unklar. Nachdem das iranische Atomprogramm
als Ziel ausgemacht wurde, scheint Stuxnet der erste Schritt zum
Cyberwar
zu sein. Nach und nach wurden dann Details über Stuxnet bekannt. Immerhin
4 0-Day-Schwachstellen
wurden von dem Trojaner zur Verbreitung und zur Verankerung im System verwendet.
Wie gefährlich breit gestreute Angriffe auf SCADA-Systeme sind, ist weiter
unklar.
Immerhin hat Stuxnet laut Siemens 22 Systeme im "industriellen Umfeld"
infiziert, und einige weitere
Puzzleteile
liefern ein nur sehr verschwommenes Gesamtbild. Kurz vor Weihnachten hat
ESET übrigens die eigene Analyse von Stuxnet, "Stuxnet Under the
Microscope",
aktualisiert.
PDF, das problematischste Dokumentenformat aller Zeiten?
Das PDF-Format erweist sich mehr und mehr als große
Sicherheitslücke. Nicht nur, dass es laufend offene Schwachstellen im
Adobe Reader gibt, auch das Format selbst enthält Schwachstellen, die
das Einschleusen von Schadcode und andere unschöne Dinge
erlauben.
Und das sind deutlich mehr als anfangs vermutet, wie Julia Wolf auf dem
27C3
demonstriert hat.
Binary Planting - Unsichere Suchpfade ins Netz
Im August machte eine alte Schwachstelle
Schlagzeilen:
Unsichere Suchpfade, die bisher nur lokal ausgenutzt werden konnten,
führten unter Windows nun auch ins Netz. Das
Binary Planting
wurde zuerst in der Windows-Version von iTunes gemeldet und behoben, aber
eine
Vielzahl
weiterer Programme erwies sich seitdem als
angreifbar.
Wie sich
herausstellte,
ist z.B. jede mit Visual Studio 2010 erzeugte MFC-Anwendung betroffen.
Microsoft: Das Jahr der Rekord-Patchdays
2010 wurden in Microsoft-Produkten sehr viele Schwachstellen behoben. So
viele, dass Microsoft
im August
einen Rekord-Patchday präsentierte, dessen insgesamt 15 Security Bulletins
und 35 Schwachstellen (14 Bulletins mit 34 Schwachstellen am
regulären Patchday
und ein
außer der Reihe
veröffentlichtes Bulletin mit einer Schwachstelle) im
Oktober
noch übertroffen wurden: 16 Security Bulletins betrafen
48 Schwachstellen.
Im
Dezember
waren es dann sogar 17 Security Bulletins, aber "nur"
40 Schwachstellen.
Damit wurden 2010
insgesamt
106 Security Bulletins veröffentlicht, auch das ein Rekord. Wenn das 2011
so weiter geht, dürfte Microsoft sich ein eigenes Kapitel im Guinness-Buch
der Rekorde sichern.
Carsten Eilers